Sei kein Sklave deiner Vergangenheit

Wie du dich von deinen unsichtbaren Fesseln befreien kannst

Jeder Mensch trägt Erinnerungen in sich, jeden Menschen prägt eine Vergangenheit. Die Erinnerung daran und die Erfahrungen, aus denen man gelernt hat, sind wichtig. Dafür ist die Vergangenheit da und dafür sind die Herausforderungen gewesen.

Nun gibt es Menschen, die nicht aus ihrer Vergangenheit lernen, sondern an ihrer Vergangenheit festhalten. Die sich selbst über ihre Vergangenheit definieren und ihre ganze Gegenwart mit den Geschichten der Vergangenheit füllen.

Kennst du solche Menschen?

Sie sind behaftet und belastet von den Geschichten, die sie erlebt haben. Sie  ziehen ihren ganzen Wert aus der Vergangenheit, spiegeln immer wieder, was ihnen widerfahren ist und wie sehr sie das geprägt hat. Sie glauben, dass jede ähnliche Situation genau so wieder verlaufen würde, wie die, die sie bereits durchlebt und in negativer Erinnerung haben.

Und genau dann wird die Vergangenheit zum Problem.

Diese Menschen sind dazu verdammt, ihre alten Geschichten wieder zu erleben, weil sie daran festhalten, dass sie sie erleben.

Sie hängen an ihrer Angst und ihrem Schmerz und ziehen ihn in ihr Leben.

Und damit machen sie sich nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft kaputt.

Wie gehst du mit deiner Vergangenheit um

Warum du alte Geschichten mit dir herum trägst

Warum ist das so, dass Menschen so an ihrer Vergangenheit hängen und von alten Geschichten nicht loslassen?

Dazu möchte ich dir einen Zen-Geschichte erzählen:
Zwei Mönche befanden sich auf Wanderschaft, als sie an einen Fluss kamen. Am Flussufer stand ein hübsches, junges Mädchen in kurzen Kleidern, das verzweifelt nach einem Weg suchte, um den Fluss trocken zu überqueren.

Da der Fluss nicht sehr tief war und weit und breit keine Brücke zu sehen, nahm der eine Mönch das Mädchen auf die Arme und trug es über den Fluss, setzte es am anderen Ufer trocken ab und ging weiter seines Weges.

Nachdem sie ein Stück außer Hörweite waren, fragte der andere Mönch seinen Kumpanen entsetzt, wie er es wagen konnte, einer Frau, noch dazu einer so hübsche und knapp bekleideten, so nah zu kommen, sie anzufassen – gar zu tragen! Das würden die Mönchsregeln strengstens verbieten. Er war fassungslos und kritisierte ausgiebig in einem Monolog das Verhalten seines Wegbegleiters.

Eine geraume Zeit später wandte sich der Mönch zu ihm um und antwortete in ruhigem Ton: „Ich habe die junge Frau am Flussufer abgesetzt und dort gelassen. Du trägst sie immer noch mit dir herum.“

Was sagt uns diese Geschichte?

Alles, was wir unverarbeitet lassen, lässt uns nicht los.

Ich möchte dir das anhand einem Beispiel aus deinem Leben erklären.

Stell dir vor, du hast eine schlechte Erfahrung in einer vergangenen Beziehung gemacht, wodurch die Beziehung zerbrochen ist. Das Problem selbst wurde nicht gelöst, ihr habt euch letztendlich einfach getrennt. Das hat einen bleibenden Schmerz zur Folge gehabt. Eine prägende Erinnerung. Du verbindest dieses Erlebnis mit dir. Es gehört zu dir. Du bist belastet mit ihr. Irgendwann kommt eine neue Beziehung, in die du mit Vorbehalten gehst. Mit Skepsis, Ängsten, Zweifeln.

Warum?

Weil du die Geschichte von damals, die prägende Erfahrung, auf deine Gegenwart und Zukunft projizierst. Sie wird Bestandteil einer neuen Geschichte, obwohl sie Vergangenheit ist und obwohl ein anderer Mensch vor dir steht.

Du trägst deine Geschichte – wie der Mönch – immer noch mit dir herum und kannst nicht loslassen.

Deswegen sprichst du dauernd von der Vergangenheit.
Deswegen glaubst du, dass alles wieder so passieren wird.

Lass deine Geschichten los

Was passiert, wenn du dich mit deiner Vergangenheit identifizierst

Wenn du an alten Geschichten haftest bist du unfrei, denn du reagierst mit dem Erlebnis der Vergangenheit auf das Neue. Du gibst dir dadurch selbst nicht die Möglichkeit, etwas anderes zu erleben, weil du zu sehr an dem festhältst, was dir bereits widerfahren ist.

Der Grund, warum du an der Vergangenheit haftest, ist meist immer der gleiche, nämlich Angst.

Du haftest an deiner Vergangenheit, um dich zu schützen. Deine Geschichten sind Mauern, hinter denen du dich versteckst. Du möchtest nicht mehr verletzbar und angreifbar sein. Du baust sie vor dir auf und sagst „Halt, ich hab das alles schon mitgemacht. Ich weiß wie der Hase läuft und möchte das nicht wieder durchleben.“

Du möchtest scheinbar Unabhängigkeit schaffen. Du gibst vor, zu wissen, was passieren wird und lässt dich deswegen auf gar nichts mehr ein. Du bist überzeugt, es alleine besser zu schaffen.

Deine Geschichten sind zwar dein Schutzschild, hinter dem du aber unglaublich einsam bist, denn du kannst dich nicht einschließen ohne andere auszuschließen. Und das nur, weil deine Vergangenheit, die erlebten Geschichten – manchmal nur eine einzige – dich so prägen, dass du dich nicht öffnen kannst.

Für die Gegenwart.
Für das, was ist.
Für das, was möglich wäre.

So verhinderst du, dass neue Geschichten zu einer Vergangenheit werden, an der du hängen bleibst

Wenn dir nun bewusst ist, dass deine sogenannten „Altlasten“ durch ein unverarbeitetes Problem oder eine Situation entstehen, ist es nötig, alles was dir widerfährt, zu klären.

Nur so verhinderst du, dass Geschichten zu einer Vergangenheit werden, an der du hängen bleibst.

Und das kannst du erreichen, indem du dich dem, was ist, mit voller Aufmerksamkeit widmest. Wenn es ein Problem gibt, eine Situation, die dich bewegt und vielleicht schmerzt, dann ignoriere das Gefühl nicht. Schluck es nicht runter und tu so, als sei nichts gewesen, sondern hinterfrage es.

Kläre, was es zu klären gilt und schließe mit der Sache ab.

Wenn du etwas nicht genau verstanden hast, frage nochmal nach, kläre die Situation, verstehe sie. Erreiche den Zustand, dass du keine offenen Fragen und kein belastendes Gefühl mehr mit dir herum trägst.

Nur dann hast du abgeschlossen und kannst deinen Weg, wie der Mönch, fortsetzen und dich der Gegenwart widmen.

Du kannst alles zulassen, was möglich ist, weil du das Neue nicht mit dem Alten verbindest, sondern es als etwas Neues erkennst.

Kennst du die Situation, dass du Geschichten aus der Vergangenheit hörst und dir erst beim Erzählen wieder einfällt, dass du besagte Geschichten erlebt hast?

Mir passiert das ab und zu und ich bin dann immer ganz erstaunt, weil ich ganz vergessen hatte, dass ich das erlebt habe. Es ist eine Erinnerung, aber ich fühle mich nicht mehr mit ihr verbunden. Dieser Zustand ist genau der, der eintritt, wenn du dich von einer alten Geschichte löst. Sie hat keinen Bestandteil in dir und prägt dich nicht mehr. Du hast aus der Erfahrung gelernt, aber definierst dich nicht durch diese Geschichte.

Genau darum geht es.

Ohne die belastende Vergangenheit auf das Leben schauen und im Fluss des Lebens zu fließen.

Du bist nicht deine Vergangenheit

Du kannst nur frei und unvoreingenommen sein, wenn dein Denken nicht von deiner Vergangenheit belastet ist.

Nichts was gewesen ist spielt heute eine Rolle. Es spielt nur eine Rolle, wie du aus den vergangenen Erfahrungen hervorgegangen bist. Was du aus Fehlern gelernt hast. Was du für dein Leben an Erkenntnis dazu gewonnen hast.

Damit meine ich nicht deine Verbitterung und Enttäuschung, sondern dein Blick nach vorne, es nicht mehr so weit kommen zu lassen. Dich besser zu behandeln. Andere besser zu behandeln. Andere Wege zu gehen.

Lass die Vergangenheit mit der Lektion los.

Behalte sie als Erinnerung, die dich aber nicht mehr beeinflusst.

Wie der Mönch am Fluss, der mit dem Absetzen des Mädchens die Geschichte hinter sich gelassen hat. Wie die alte Geschichte, von der du vergessen hast, dass du sie bereits erlebt hast.

Dann bist du frei.

Unvoreingenommen und bereit, allem und jedem eine Chance zu geben – vor allem dir selbst – denn du bewahrst dich davor, deine Vergangenheit wieder zu durchleben.

Du bist offen für das, was vor dir liegt und möglich ist.

Wie sehr beeinflusst deine Vergangenheit deine Gegenwart?

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6 Gedanken zu „Sei kein Sklave deiner Vergangenheit

  1. Hier eine Geschichte die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, und zeigt wie verwunden doch unsere Lernaufgaben sein können und wie ich meine Vergangenheit loslassen konnte.

    Verlassen werden, das ist eigentlich das Einzige worauf ich mich seit meiner frühen Kindheit verlassen konnte. Mein Vater starb einen Monat vor meinem 5.Geburtstag. Meine Mutter hat mich damit bestraft, indem sie mich alleine in den Keller gesperrt hat, oder sie sagte, dass sie fährt jetzt fort fahre und nie wieder zurück komme. Meine Schwester starb als ich 19 war. Die große Liebe verließ mich als ich 34 war. Und als ich mich vor einem Jahr wieder verliebte, war es tatsächlich für mein Unterbewusstsein eine Fortsetzung der damaligen großen Liebe. Zu Beginn jedenfalls.

    Doch wenn ich ganz genau reflektiere, und anschaue womit ich mich in solchen Zeiten dann immer beschäftigte, dann wird mir bewusst wohin mich mein Leben lenken will. Bei mir ist das die Spiritualität. Hier finde ich Heimat, Freude und tiefes Glück in mir. Schon als Kind hat sie mich fasziniert, obwohl das niemand verstanden hat. Doch ich war zu feige, sie wirklich konsequent und offen zu leben. Dabei hätte ich den Menschen so viel geben können. So hat mir das Leben dann halt immer wieder mit dem Zaunpfahl winken müssen.

    Ich weiß nicht was das Leben mir noch bereit hält, aber ich weiß endlich wofür ich hier auf die Erde gekommen bin. Und so kann ich meine Vergangenheit in Dankbarkeit hinter mir lassen. Sie hat mir meinen Weg aufgezeigt.

    Alles Liebe,

    Martin

    1. Hallo Martin,

      vielen Dank für den Einblick in deine wirklich schwere Vergangenheit.
      Umso mehr freut es mich, dass du für dich erkennen konntest, was sie dir damit sagen wollte.

      Liebe Grüße
      Bettina

    1. Sehr gerne! Es freut mich, dass ich dir mit diesem Beitrag helfen konnte. Ich wünsche dir alles Gute!

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