In 4 Schritten lernen, für dich selbst zu sorgen (Selbstfürsorge Teil 2)

Die Bedeutung von Selbstfürsorge habe ich dir letzte Woche in Teil 1 dieser Serie versucht zu vermitteln. Heute geht es an die Praxis mit vielen Tipps, wie du Selbstfürsorge anwenden kannst.

Ohne Selbstfürsorge kann es leicht passieren, dass du deine körperlichen Kräfte und seelischen Grenzen überschreitest. Du überlastest dich in beider Hinsicht und verlierst dadurch an innerer Widerstandskraft, was dazu führen kann, dass du seelisch wie körperlich krank wirst.

Deswegen ist es wichtig, gut für dich zu sorgen, so wie du das damals als Kind getan hast.

Warum wir Selbstfürsorge verlernt haben

Die meisten von uns haben verlernt, ihre Bedürfnisse zu erkennen und ihnen nachzugehen. Als Kind kann man das sehr gut: man isst, wenn man hungrig ist, legt sich schlafen, wenn man müde ist, lässt schlechte Laune zu, wenn man enttäuscht ist, sucht Stille und Allein-sein auf, wenn man traurig ist, spielt, wenn man Lust dazu hat, rennt weg, wenn man Angst hat. Man achtet auf die Signale des Körpers und der Seele und geht diesen Impulsen ohne zu fragen nach. 

Kinder sind noch nicht auf die äußere Welt fixiert: gefallen zu wollen, Erwartungen standzuhalten, Leistung zu erbringen. Sie sind frei von dem zwanghaften Denken: „ich muss“, „ich sollte“, „ich darf nicht“, „ich kann nicht“. Deswegen lassen sie sich die Fürsorge zu Teil werden, die sie brauchen und sind daher in der Regel auch nicht gestresst, unzufrieden oder träge, wie Erwachsene das werden.

Denn je älter wir werden, desto mehr passen wir uns an und fügen uns den Rollen, die wir angenommen haben. Wir lassen uns leiten, von dem was sich gehört oder was von uns verlangt wird. Dadurch vergessen wir uns leicht und verlieren den Zugang zu uns und damit zu unseren Bedürfnissen. Wir folgen nicht mehr den Impulsen, die unser Körper uns aussendet. Wir achten nicht mehr auf das, was wir brauchen und sollte es uns doch bewusst werden, ignorieren wir es oft.

Das kann zu folgenden Problemen führen:

  • Überforderung
  • Frust
  • Unzufriedenheit
  • Negativem Stress
  • Trägheit / Lustlosigkeit
  • Erhöhte Aggressivität
  • Erschöpfung

Um solche Probleme zu vermeiden, braucht es demnach nicht unbedingt einen anderen Job oder eine neue Beziehung, wie viele glauben. Manchmal reicht es schon, die Fürsorge für sich selbst zu erhöhen, um aus dieser Grundlage heraus wieder Kraft zu schöpfen und stark zu werden und dem Leben wieder positiv begegnen zu können.

Selbstfürsorge lernen

In 4 Schritten deine Lebensqualität wieder gewinnen

Schritt 1: Erlaube dir, für dich zu sorgen

Es geht nicht immer in erster Linie um andere. Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben. Vergiss die anderen nicht, aber kümmere dich erst um dich und dann um die anderen. Das klingt egoistisch, aber dieser Egoismus kann den Unterschied machen, ob du dein Leben als Freude oder als Belastung empfindest. Denn nur mit Selbstfürsorge kannst du dafür sorgen, dass es dir gut geht. Und nur, wenn es dir gut geht, kannst du voll und ganz für andere da sein.

Wie du einen gesunden Egoismus entwickeln kannst, erfährst du in diesem Beitrag: Was dir fehlt ist gesunder Egoismus. 

Schritt 2: Übernimm Eigenverantwortung

Leider machen wir uns viel zu sehr von anderen und anderem abhängig und überlassen damit dem oder das, von dem wir abhängig sind, die Verantwortung für unser Wohlbefinden. Um für dich sorgen zu können, musst du die Verantwortung für dich übernehmen. Du musst deine Bedürfnisse erkennen und die Erfüllung dieser Bedürfnisse in deine Hände legen. Dann erfährst du die Pflege, die du brauchst, die deine Seele braucht und kannst erblühen.

Hierzu findest du auch in diesem Beitrag viele Infos: Eigenverantwortung: Warum jeder für sich selbst sorgen muss.

Schritt 3: Begegne dir mit Achtsamkeit

Vor lauter zwanghaftem Denken und Druck von außen haben wir verlernt, in uns hineinzuhören, wie wir das als Kind taten und darauf zu achten, was wir brauchen, damit es uns gut geht. Um deine Bedürfnisse zu erkennen, musst du in dich hineinhören, denn dein Körper, deine Gefühle und dein Herz vermitteln dir gut, was du brauchst. Dazu braucht es Achtsamkeit dir selbst gegenüber. Eine feinfühlige und umfassende Beobachtung für dich, damit du die Signale erkennst, damit du spürst und fühlst, was du brauchst und entsprechend für die Erfüllung sorgen kannst.

  • Achtsamkeit entsteht, wenn du innehältst.
  • Achtsamkeit heißt, Aufmerksamkeit auf den jetzigen Augenblick
  • Du nimmst wahr, was du tust
  • Du nimmst wahr, wie es sich anfühlt
  • Du nimmst wahr, wie es deinem Körper geht
  • Du nimmst wahr, welche Gedanken du hast
  • Du nimmst wahr, welche Gefühle du hast

Hinterfrage deine Gefühle und dein Empfinden, deine körperlichen Symptome, deine Gedanken. Was wollen sie dir sagen? So kannst du mit ein wenig Übung erkennen, was in dir vorgeht, warum etwas in dir vorgeht und herausfinden, was dein Körper und deine Seele brauchen.

Je bewusster du dich wahrnimmst und kennen lernst, desto angemessener kannst du mit dir umgehen.

Schritt 4: Bedürfnisse erkennen und erfüllen

Da jeder Mensch unterschiedlich ist, besteht die große Kunst für dich nun darin, mit Achtsamkeit zu erkennen, welche Bedürfnisse du hast und in welchem Maß du sie brauchst.  Dafür kann ich dir keine passende Anleitung geben, aber einige Tipps:

Sorge für ausreichend Schlaf und Nahrung

Jeder Mensch hat Grundbedürfnisse und die Grundbedürfnisse wie Schlafen oder Essen werden in der heutigen Zeit leider oft vernachlässigt. Dabei sind sie die Basis für eine gesunde Selbstfürsorge. Der Schlaf kommt oft zu kurz: frühes Aufstehen, spät ins Bett gehen oder ein unregelmäßiger Schlafrhythmus begünstigen das. Auch die Nahrungszufuhr kommt oft zu kurz. Viele Menschen sind so im Stress, dass sie das Essen vergessen oder hauptsächlich ungesundes Zeug zu sich nehmen, das ihren Körper nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Sowohl Schlafmangel als auch Hunger machen dich demnach schwach. Du wirst mit zunehmendem Mangel gereizter, leichter angreifbar und anfälliger für Stress. Auch dein Immunsystem wird geschwächt. Daher frage dich:

  • Wie viel Schlaf brauchst du und gewährst du dir diesen?
  • Was isst du und wann? Isst du gesund und regelmäßig?
  • Warum isst du? Ist es wirklich Hunger oder doch eher innere Unruhe und Leere, die du mit Nahrung stillen und füllen möchtest? Oder isst du aus Gewohnheit?

Erkenne Abhängigkeiten und damit unerfüllte Bedürfnisse

Die meisten von uns sind bewusst oder unbewusst abhängig, um ihre innersten Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe oder Zuneigung zu stillen. Sie zwängen sich in ein Raster oder spielen eine Rolle, um das zu bekommen, wonach sie sich sehen.

  • Erkennst du in deinem Leben solche Abhängigkeiten, die dir scheinbar das geben, was du brauchst, aber im Grunde gar nicht gut tun?
  • Welche Abhängigkeiten sind das?
  • Was steckt hinter diesem Verhalten? Nach welchem Bedürfnis sehnst du dich eigentlich?
  • Wie kannst du dieses Bedürfnis ohne Abhängigkeit stillen?

Bedenke, dass du alles in dir finden musst. Ich weiß nur zu gut, dass das einfacher gesagt als getan ist, aber letzten Endes ist das der einzige Weg, der dich glücklich machen kann. Stärke dein Selbstbewusstsein und übernimm aktiv die Führung, wenn es darum geht, deine Bedürfnisse zu erfüllen. Erwarte nicht von anderen, dass sie erkennen, was du willst. Sprich an, was du dir wünschst und was dir fehlt. So schlüpfst du aus der fremdbestimmten Opferrolle hinein in die selbstbestimmte Führungsrolle und kannst deine Bedürfnisse befriedigen.

Selbstfürsorge lernen

Beschäftigung / Aktivität

Tue Dinge, die du gerne machst. Einen Spaziergang in der Natur, malen, lesen. Ein Besuch im Lieblings-Café oder im Thermalbad. Was auch immer dir gut tut und du gerne machst: gönne dir diesen Genuss. Sie tragen sehr zu deinem Wohlbefinden bei, weil sie dir Freude machen und Freude ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität ist. Dazu können auch Rituale gehören, die eine Form von Sicherheit vermitteln und dich dadurch stärken können. Das gemeinsame Abendessen mit der Familie oder morgens oder abends einem festen Ablauf nachgehen.

  • Was tut dir gut und wobei fühlst du dich wohl?
  • Welche Rituale vermitteln dir Sicherheit und Geborgenheit?
  • Was würdest du machen, wenn du spontan einen Tag frei hättest?

Wichtig hierbei: die richtige Motivation, Dinge zu tun

Du solltest keine Dinge tun: aus Leistungsdruck, aus Konkurrenzdenken, weil alle es tun oder weil du unbedingt das Ziel erreichen willst. Damit stresst du dich und machst die Dinge somit nicht gerne. Der Weg ist das Ziel und somit die Freude am Tun. Geh nicht joggen, weil du Angst hast, dick zu werden, sondern weil du Spaß an Bewegung hast. Wenn joggen nicht das Richtige ist, suche dir eine Sportart, die dir liegt oder gehe einfach spazieren. Im Vordergrund sollte immer das gute Gefühl stehen, mit dem du etwas machst.

  • Aus welchem Antrieb verfolgst du Dinge?
  • Gibt es welche, die du aus Druck ausübst?
  • Wenn ja, warum lässt du diese Dinge nicht einfach sein? Welches Problem steckt hinter dem Zwang?

Belastung

Versuche, das richtige Maß für dich zu finden. Nimm dir nicht zu viel vor und lass dich nicht zu sehr „von außen“ bestimmen. Akzeptiere deine Grenzen und setze deine Grenzen – dir und anderen! Fordere nicht zu viel von dir und zeige nach außen, dass du nicht unendlich viel Kapazität und Energie hast. So kannst du dich vor Überlastung schützen.

  • Erkennst du Anzeichen für Überforderung wie Stress, Ermüdung oder Unlust?
  • Wenn ja: forderst du zu viel von dir selbst oder machst du für andere mehr, als dir gut tut?
  • Wie kannst du Aufgaben abgeben, Grenzen aufzeigen, dir Entlastung verschaffen?

Dir muss es in erster Linie gut gehen und deswegen denke an dich! Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben! Erinnere dich an Schritt 1. Stichwort: gesunder Egoismus.

Erholung

Pausen und Auszeiten sind wichtig, denn so wie ein Akku nicht im Dauerbetrieb laufen kann, muss auch dein Energie-Tank immer wieder aufgeladen werden, damit du kraftvoll bleiben kannst. Lege dir im Berufsalltag bewusst Pausen ein, um kurz durch zu schnaufen. Vernachlässige auch nicht deine Freizeit. Gönne dir Urlaub und Erholung. Schaffe dir Freiräume, in denen du einfach Zeit mit dir verbringst, um Kraft zu tanken.

  • Gönnst du dir regelmäßig Zeit für dich?
  • Wenn nicht: Wie kannst du dir mehr Freiräume schaffen?

Wie wichtig Zeit für dich ist und wie du sie nehmen kannst, erfährst du auch in diesem Beitrag: Nimm dir Zeit für dich – das ist die Quelle der Kraft.

Beziehungen

Pflege deine Beziehungen und Freundschaften. Wir Menschen sind soziale Wesen und haben daher auch ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Sich auszutauschen und verstanden zu fühlen. An Beziehungen zu wachsen und wertgeschätzt zu werden. Soziale Kontakte schützen dich vor Einsamkeit und geben dir ein positives Gefühl. So können dich darin unterstützen, der zu sein, der du bist und der zu werden, der du sein kannst.

  • Pflegst du regelmäßig deine sozialen Kontakte?
  • Wenn nein: Warum nicht? Hast du zu wenig Zeit oder bist du zu erschöpft?
  • Wie kannst du die Ursache beheben und dein Sozialleben fördern?

Aber vorsicht, vor Abhängigkeit! Der Grund einer Beziehung darf nie die Sehnsucht nach einem Bedürfnisses sein, sondern das Wohlfühlen in der Gegenwart der Person ganz ohne Verlangen und Erwartungen.

Bewegung

Auch wenn du kein Sportfanatiker bist, tut frische Luft und Bewegung auch dir gut. Gehe spazieren, atme gute Luft ein, spüre deinen Körper. Beobachte die Jahreszeiten und wie sie die Natur verändern. Der Körper kann dabei entspannen und Stress abbauen. Auch schon kleine Bewegungseinheiten im Alltag fördern dein Wohlbefinden und machen dich ausgeglichener und widerstandsfähiger.

  • Bewegst du dich regelmäßig?
  • Wenn nein: wie kannst du für mehr Bewegung sorgen? Kannst du dich zum Spazieren gehen verabreden oder gehst du auch alleine eine Runde durch den Wald?
  • Wie kannst du mehr Bewegung in deinen Alltag integrieren? Kannst du mal das Fahrrad oder die Treppe anstatt das Auto und den Aufzug nehmen? Kannst du in der Mittagspause spazieren gehen, anstatt in der Kantine zu sitzen?

Selbstfürsorge steigert deine Lebensqualität

Selbstfürsorge heißt, Eigenverantwortung zu tragen und dafür zu sorgen, dass du dir die Pflege zukommen lässt, die du brauchst.

Dazu benötigt es Achtsamkeit. Ein aufmerksames Hineinhören in dein Inneres, um die Signale deines Körpers und deiner Seele wahrzunehmen, zu deuten und entsprechend handeln zu können. (Erinnere dich an das Kind in dir. Löse dich vom zwanghaftem Denken, dass du „nicht solltest“ oder „nicht kannst“ und gehe einfach dem nach, was du brauchst.)

Durch das Erkennen und Erfüllen deiner Bedürfnisse lässt du keine inneren Konflikte entstehen. Keine unerfüllten und unterdrückten Wünsche, die sich irgendwann in deinem Leben negativ bemerkbar machen können in Form von Unzufriedenheit, Stress oder Lustlosigkeit.

Stattdessen wirst du zufrieden und ausgeglichen, weil du im Einklang mit dir lebst, weil du dir das gibst, was du brauchst. Du gewinnst an innerer Widerstandskraft und kannst energievoll und positiv den Herausforderungen des Lebens begegnen.

Dadurch gewinnt dein Leben an Leichtigkeit und an Freude.

Zeitgleich leistest du anderen damit einen großen Gefallen. Denn so, wie du andere erst lieben kannst, wenn du dich selbst liebst, kannst du dich nur gut um andere kümmern, wenn du dich selbst gut um dich kümmerst. Denn man kann nichts geben, was man sich selbst nicht zu geben bereit ist.

Selbstfürsorge ist demnach nicht nur ein sehr wertvoller Beitrag für dich selbst, sondern auch ein sehr wertvoller Beitrag für die Welt.

Aber vergiss nicht, dass Selbstfürsorge kein einmaliger Lernprozess ist. Da du dich laufend veränderst und damit deine Bedürfnisse sich ändern, bedarf es einer ständigen Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Ein ständiges Anpassen deiner Fürsorge an deine Bedürfnisse.

Dein ganzes Leben lang.

Aber diese Arbeit ist jede Mühe wert, denn sie schafft einen unbezahlbaren Wert: Gesundheit und Lebensqualität!

Ich wünsche dir viel Erfolg auf dem Weg zu einer guten Fürsorge für dich.

Sorgst du gut für dich oder besteht da noch Handlungsbedarf?

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4 Gedanken zu „In 4 Schritten lernen, für dich selbst zu sorgen (Selbstfürsorge Teil 2)

  1. Liebe Betty, Selbstfürsorge ist so ein wichtiges Thema…ich widme mich dieses Jahr auf meinem Blog auch intensiv diesem Thema. Betty, wie immer schreibst du ganz wunderbar und ich liebe es deine Artikel zu lesen! Ganz liebe Grüsse, Fari

    1. Danke dir, meine Liebe!
      Ich freue mich auf dein spannendes Jahresprojekt zum Thema Selbstfürsorge und welche Erfahrungen und Erkenntnisse du daraus gewinnst.
      Und auf die Art und Weise, wie du uns dieses Thema vermittelst!
      Bis bald – hier oder auf deinem Blog :)
      Ganz liebe Grüße zurück
      Betty

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