Die Realität ist subjektiv

Hintergrund

Immer wieder stelle ich fest, dass meine Wahrnehmung von der eines anderen abweicht. Das, was für mich Realität zu sein scheint, mögen andere völlig anders sehen. Irgendwann stand ich vor der Frage, was denn eigentlich Wahrheit und Realität ist und ob es sie überhaupt gibt. Davon handelt dieser Text.

Realitätserscheinung

Ich frage mich wie oft du dir einbildest die Wahrheit zu kennen, die Tatsachen beim Namen nennen zu können und du genau weißt, was abgeht – obwohl du nicht genau fragst und bei Halbwissen auch nicht unbedingt nachhakst, weil für dich die Realität aus Fakten, logischer Schlussfolgerung und persönlichen Meinung fest steht.

Ich frage mich wo das hin führt, wenn wir kein Interesse daran haben die Dinge wirklich zu verstehen, sondern stattdessen nur ganz bequem in den eigenen Kopf sehen und uns dort aus den gewonnen Eindrücken unser eigenes Bild zusammen puzzeln: Größe und Form werden ganz subjektiv gehalten, auch die Farbigkeit gestalten wir frei aus dem Bauch heraus und hey – wenn Teile fehlen drücken wir die Infos in die Lücken, die übrigen bleiben. Das passt schon. Das können wir dann so auch als Wahrheit unterschreiben.

Und wie oft sind wir geblendet vom äußeren Schein und hinterher überrascht, dass die Dinge anders sind als allgemein angenommen. Wieso wundern wir uns darüber, dass wir von einem einzigen Standpunkt aus nicht alles überblicken können und die Welt, wenn der Vorhang fällt, manchmal doch ganz anders erscheint. Aber weil niemand rüber geht und selbst mal auf der anderen Seite steht, urteilen wir, weil das einfach viel schneller geht.

Ich frage mich was die Wahrheit ist, weil sie von verschiedenen Blickwinkeln nicht mehr nur eine einzige ist. Stehen wir nicht jeder auf unseren eigenen Meinungsbildern, die die Wahrheit subjektiv gestalten – Wo sich künstlich im Gedankenspiel unsere Meinungen mit den Fakten zur persönlichen Realität entfalten und wir ein Spiegelbild erhalten, das uns in dieser Wahrheit positioniert – und gerade deshalb an Objektivität verliert? Wir lassen uns leiten von anderen Meinungen, fassen fremde Eindrücke und Worte zu eigenen Realitätserscheinungen zusammen und tragen ein Bild in uns – nur meins sieht anders aus als deins. Auch wenn du glaubst, das es das selbe ist. Die Realität mag sein wie sie will, wirklich verstehen werden wir sie nicht. Vielleicht siehst du kunterbunt und ich nur schwarzweiß – vielleicht findest du die Temperatur angenehm und ich viel zu heiß.

Was also ist die Realität – und wer bist du darin?

Ich frage mich wie oft du zurück steckst, weil du nicht die Wahrheit sagst, weil du die anderen, aber nicht dich selber fragst, was du eigentlich willst und mit deiner Antwort alle anderen, nur nicht deine eigenen Erwartungen stillst.

Ich frage mich wo das hin führt, wenn wir uns selbst belügen, um anderen zu gefallen, wenn die eigenen Worte als Lüge von den Wänden widerhallen und das Echo mit „Wahrheit“ getagged wird. Wir sagen ja und meinen nein, reden uns ein, dass es besser ist, den anderen nicht zu verletzen, setzen uns eine Maske auf, durch die wir Meinungen vertreten, die nicht unsere sind. Blind geworden für das, was wir uns wünschen und sehend für das, was andere fordern, ordern wir in unserem Kopf die Antworten, die der Allgemeinheit und dem Frieden dienen.

Und wie oft sind wir enttäuscht, weil unsere Lüge geglaubt wird. Dabei haben wir uns selbst nicht erlaubt unsere Meinung zu äußern. Wieso wundern wir uns darüber, dass wir so wahrgenommen werden, wie wir uns geben und die richtigen Antworten auf die falschen Aussagen kriegen. Und weil niemand ein zweites Mal nach derselben Frage fragt, bleibt unsere Lüge wahr – und wir erschaffen uns ein zweites ICH, das zwar der Welt da draußen standhält, aber zusammenfällt, sobald wir mit uns alleine sind.

Wie paradox ist das: Mit sich als Feind in den Ring zu steigen. Wir neigen dazu, uns mit fremden Argumenten zu kleiden und meiden die Konfrontation auf das eigene ICH, weil wir Angst haben, dass es vor dem Ansturm der ehrlichen Meinungen zerbricht. Dabei will man sich entwickeln und sich Freiräume schaffen und Kreativität ausleben und Zeit haben und sich selbst verwirklichen. Zeitgleich vernichten wir dieses Ziel mit unseren eigenen Waffen. Wir weben uns Träume und drehen uns einen Strick daraus, weil wir uns nicht mal den ersten Schritt zum Ziel trauen, wir verbauen uns diese Möglichkeit, weil wir den Grundstein dafür aus Sand legen.

Ich frage mich wie oft wir nicht wir selber sind und im Nachhinein vor den Scherben der Lüge stehen, die Schnitte zeichnen, wenn wir drüber gehen und dann im Blut den Fehler der beerdigten Wahrheit sehen. Dabei ist unsere Wahrheit doch das, was uns ausmacht. Wie alle kann jeder sein, was dich von anderen abhebt ist dein Empfinden, deine ehrliche Meinung und „du selbst zu sein“. Machen wir uns doch nicht klein mit dem, was wir zu sagen haben, weil das, was wir nach der Lüge zu tragen haben ist viel schwerer, als in einer Meinungsverschiedenheit seinen Mann zu stehen, dann haben wir unseren größten Feind erweckt und müssen ihn beschämt im Spiegel ansehen.

Wir haben uns nicht die Lüge anerzogen sondern die Wahrheit aberzogen. Wir haben den Anschluss zu uns selbst verloren, weil wir unsere Meinung mit der Mehrheit verglichen und gegen den Durchschnitt eingetauscht haben. Vielleicht glaubst du, die Lüge steht dir, weil du anderen gefällst, wenn du dich anpasst. Vielleicht weißt du nicht wie schön du bist, weil du die Ehrlichkeit noch nicht getragen hast.

Wer also bist du – und in welcher Realität?

(2014)


Das könnte dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.