Konfliktgespräch richtig führen – so geht’s (Ärger Teil 2)

Voraussetzungen und sinnvolle Formulierungen

In Teil 1 dieser Serie haben wir gelernt, dass es wichtig ist, Ärger auszusprechen, um keine ungelösten inneren Konflikte entstehen zu lassen, die du belastend mit dir herumträgst. In Teil 2 möchte ich dir erklären, welche Voraussetzungen du schaffen solltest und wie du deinen Ärger richtig formulierst, damit ein lösungsorientiertes Gespräch möglich ist.

Im engen Miteinander entstehen leicht Missverständnisse, das ist normal und auch gar nicht schlimm, wenn man über den Vorfall redet und das Missverständnis beseitigt. Oft ärgert man sich aber so spontan aus einer Situation heraus, dass einen die Gefühle regelrecht übermannen. Puff und der Ärger ist da und am liebsten würde man ihn ebenso verletzend herausschmettern, wie man selbst vom Ärger befallen wurde.

Gehörst du zu den impulsiven Menschen, die ihr Gefühlsleben immer offen in die Welt tragen? Dann wird es dir wahrscheinlich schwer fallen, nicht gleich aufbrausend zu reagieren.

Warum die wichtigste Voraussetzung für ein gewinnbringendes Gespräch eine ruhige Gemütslage ist, möchte ich dir an einer Situationsbeschreibung verdeutlichen.

Warum du Ärger aus der Ruhe heraus äußern solltest

Ein bekanntest Sprichwort lautet: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Übersetzt heißt das: Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest und sie werden es dir gleichtun. Dieses Verhalten ist psychologisch erwiesen. Die meisten Lebewesen reagieren so auf dich, wie du auf sie zugehst. Unabhängig ob Mensch oder Tier.

Das heißt:
Wer sich angegriffen fühlt, wird meist mit einem Gegenangriffen kontern – und wenn du im Affekt reagierst, dann greifst du an.

Situationsbeschreibung
Wenn du wütend bist, kontrollieren dich deine verletzten Gefühle – und die trägst du im Affekt unverhüllt nach außen. Du gehst mit aggressiven, vielleicht sogar beleidigenden Vorwürfen auf dein Gegenüber los – schließlich ist er für deinen Schmerz verantwortlich.

Durch dein aggressives Verhalten wird sich dein Gegenüber persönlich angegriffen fühlen – und sich instinktiv verteidigen wollen (unabhängig ob dein Einwand berechtigt ist oder nicht). Er wird genauso aggressiv mit Gegenangriffen kontern und dir genauso Vorwürfe machen, wie du sie ihm machst.

Du gehst nicht auf ihn ein, schließlich willst du erst mal dein Problem gelöst haben. Und um deinem Gegenüber sein Fehlverhalten noch mehr zu verdeutlichen, wirst du ähnliche Beispiele aus der Vergangenheit suchen und ihm vorhalten. Dass er sich das nicht gefallen lässt, ist logisch.

So werden sich eure Gefühle hochschaukeln – ihr wechselt ab zwischen Angriff und Verteidigung – zwischen verletzen und verletzt werden. Ihr werdet schmerzvoll über das Problem diskutieren, nicht jedoch über Lösungen – und euch gefühlsmäßig sehr entzweien.

Da keine Lösung in Aussicht ist, ihr beide nun verletzt seid und euch unverstanden fühlt, werdet ihr euch voneinander distanzieren. Ihr werdet vielleicht irgendwann nochmal erfolglos über das Problem reden, weil jeder weiterhin auf seinen Standpunkt beharrt, oder ihr verschweigt es gänzlich bis zum nächsten Vorfall.

Im Affekt zu reagieren hat – wenn überhaupt – nur eine kurzfristige Befriedigung zur Folge: Du machst deinem Ärger Luft und hast deinen Gegenüber ebenfalls erfolgreich verletzt. Aber eine Lösung ist nicht gefunden und die Basis für ein Miteinander ist erst mal zerstört. Und wirklich besser, fühlst du dich auch nicht. Im schlimmsten Fall hast du noch Dinge gesagt, die dir im Nachhinein bitter leid tun.

Erkennst du dich in dieser Situation wieder?

Daher:
Reagiere nie im Affekt auf Ärger, sondern aus der Ruhe heraus.

Denn wer sich sicher fühlt, hat keinen Grund, auf dich loszugehen.

Es gibt immer drei Wahrheiten - Ärger Teil 2

Wenn die innere Ruhe fehlt solltest du kein Konfliktgespräch führen

Ein sinnvolles Gespräch ist nur möglich, wenn du ruhig bist. Nur dann ist es wahrscheinlich, dass dein Partner ebenfalls ruhig bleiben wird.

Wenn du zu aufgebracht bist, verlasse die Situation. Sage, du möchtest kurz allein sein und mit ihm sprechen, wenn du dich beruhigt hast. Momentan sind deine Gefühle zu stark, um lösungsorientiert zu reden. Atme tief durch und denke an die Lösung, nicht an das Problem, das kann dich entspannen.

Wenn Alleinsein nicht ausreicht, mache Sport und suche dann das Gespräch auf. Durch Bewegung baut dein Körper das viele Adrenalin ab, das sich durch die Wut gebildet hat.

Achte auch darauf, dass dein Gegenüber bereit für das Gespräch ist. Frage ihn, ob es gerade passt, oder dass du mit ihm reden willst und er den Zeitpunkt vorschlagen soll.

Es ist wichtig, dass ihr beide bereit für ein Gespräch seid.
Nur so könnt ihr aufeinander eingehen.

So hältst du das Gespräch unter Kontrolle

Ein weiterer Eskalationspunkt ist der Vorwurf auf dein Gegenüber, denn der löst den Gegenangriff aus. Einen Vorwurf formulierst du vorrangig im Affekt, manchmal kann jedoch auch ein ruhiges Gespräch eskalieren, weil du durch die falsche Formulierung Vorwürfe machst und die Stimmung zum Kippen bringst.

Dazu zwei Formulierungen im Vergleich
(um den Effekt zu verdeutlichen, bitte jemanden, dir beide Versionen in entsprechender Gefühlslage ins Gesicht zu sagen)

Beispiel 1
Stell dir vor, jemand sagt vorwurfsvoll zu dir:
„Du regst mich so auf. Du versetzt mich immer und lässt mich auf dich warten. Das kotzt mich an. Du bist so unzuverlässig! Ich will, dass du das änderst.“

Beispiel 2
Stell dir vor, jemand sagt in ruhigem Ton zu dir:
„Weißt du was mich stört? Dass ich so oft auf dich warten muss. Das enttäuscht mich und ich fühle mich respektlos behandelt. Dein Verhalten gibt mir den Eindruck, als sei ich es nicht wert, dass du pünktlich bist. Dabei halte ich mir extra Zeit frei, um sie mit dir zu verbringen. Ich würde mir wünschen, dass du das änderst.“

Merkst du einen Unterschied in dir, wenn du beide Ansprachen liest oder hörst?

Analyse Beispiel 1
In diesem Fall würden die meisten Menschen auf der gleichen Gefühlsebene zurück kontern, weil sie sich persönlich angegriffen fühlen. Oft ist ihnen nicht mal bewusst gewesen, dass sie mit ihrem Verhalten jemanden verletzt haben und sind von diesem Vorwurf überrumpelt. Sie wollen sich verteidigen.

Analyse Beispiel 2
In diesem Fall sind die Menschen viel eher bereit in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen, ob an der Aussage was dran ist, weil du respektvoll bleibst und sie zum Nachdenken anregst. Es tut ihnen oft leid, dass sie jemanden mit ihrem Verhalten verletzt haben. Sie wollen sich erklären.

Ist dir aufgefallen, dass die eine Aussage in der Du-Form und die andere in der „Ich-Form“ formuliert wurde? Es ist ein kleiner aber feiner Unterschied mit großer Auswirkung: Ein Vorwurf verwandelt sich in eine persönliche Meinung und wirkt nicht mehr angreifend.

Daher:
Verwende immer die ICH-Form, wenn du Ärger äußerst.
So bringst du die ruhige Stimmung nicht zum Kippen.

Ärger erklären

Zusammenfassung – so solltest du Konfliktgespräche führen

Du kannst die besten Voraussetzungen für ein lösungsorientiertes Gespräch schaffen, indem du dich so verhältst, wie du dir wünschst, dass sich dein Gegenüber verhält. Die wichtigste Voraussetzung ist die ruhige Gemütslage, die das ganze Gespräch über beibehalten werden sollte.

  • Der Ton macht die Musik
    Wenn du ruhig und respektvoll bist, wird dein Gegenüber ebenfalls ruhig bleiben.

  • Benutze die „Ich-Form“
    So vermeidest du einen Vorwurf und den persönlichen Angriff.
    Nicht: „Du bist unzuverlässig.“
    Sondern: „Ich finde, du bist unzuverlässig.“
    Ja, auch diese Formulierung könnte als Vorwurf betrachtet werden, aber ruhig gesprochen verliert sie an Aggressivität und wirkt nicht angreifend.

  • Beschreibe die Situation und lege sie nicht als Tatsache aus
    Auch wenn die Lage für dich vollkommen eindeutig ist, kann es aus Sicht deines Gesprächspartners völlig anders aussehen. Vielleicht schätzt du die Situation auch einfach falsch ein und es liegt ein Missverständnis vor.
    Nicht: „Ich finde, du nimmst mich nicht ernst.“
    Sondern: „Mir kommt es so vor, als nimmst du mich nicht ernst.“
    So gibst du Anregung zur Selbst-Reflexion.

  • Erkläre deinen Ärger 
    Sage nicht nur, was dich ärgert, sondern warum dich etwas ärgert.
    Nicht nur: „Mich nervt, dass du mich so lange warten lässt.“
    Sondern: „Ich fühle mich verletzt, wenn du mich so lange warten lässt.“
    Wenn dein Gegenüber die Chance hat, deinen Ärger zu verstehen, wird er viel offener für deine Worte und Wünsche sein und sein Verhalten ebenfalls erklären wollen.

  • Höre dir auch seine Seite an
    Wenn er Einwände bringt, überlege ehrlich, ob diese berechtigt sind und gehe auch auf diese ein. Gib zu, wenn er recht hat. Auch er will verstanden werden.
    Nicht: „Ja, aber…“
    Sondern auch: „Ja, da hast du Recht. Auch ich habe nicht richtig reagiert.“
    Wenn ihr aufeinander eingeht, werdet ihr viel wahrscheinlicher auf eine gemeinsame Lösung kommen, als wenn jeder nur stur auf seinen Standpunkt beharrt oder sein verletztes Ego verteidigen möchte.

  • Rede von einer Lösung, nicht nur vom Problem
    Was passiert ist, ist passiert. Bleib nicht in der schmerzhaften Vergangenheit stehen, sondern überlege dir, wie du das Problem zukünftig lösen willst. Formuliere ihn als Wunsch, dann bittest du um Veränderung und befiehlst sie nicht nur.
    Nicht
    : „Mich nervt, dass du mich immer warten lässt.“
    Nicht: „Ich will, dass du pünktlich bist.“
    Sondern: „Ich wünsche mir, dass du pünktlich bist.“

Wenn dein Gegenüber ebenfalls reif genug ist, an einer Lösung interessiert zu sein, werdet ihr ein gewinnbringendes Konfliktgespräch führen können.

Ich wünsche euch viel Erfolg dabei!

Vielleicht konnte ich dir helfen, Konflikte auf eine neue Art und Weise anzugehen. Wie verhältst du dich, wenn du ärgerlich bist? Ich bin gespannt auf deine Meinung.

Es mag sich paradox anhören, aber Ärger kann auch gut sein! In Teil 3 dieser Serie, zeige ich dir, wie du Ärger positiv nutzen kannst.


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