Brief an eine Verlassene

Meine Liebe,

für mich ist unser gemeinsamer Weg zu Ende. Ich hätte mir am liebsten gar kein Ende gewünscht, aber es geht nicht anders. Ich habe das Gefühl, dass mein Lebensweg in eine andere Richtung als der deine geht und sich meine Welt schneller als deine sich dreht.

Es war wunderschön mit dir. So viel Zeit haben wir zusammen verbracht – wir haben Höhen und Tiefen durchlebt, haben geliebt, getanzt, geweint und gelacht. Heute bewegen wir uns in einem anderen Raum wie mir scheint – weit entfernt von dem damaligen Gefühl. Unsere beste Zeit kommt mir vor wie ein schöner Traum, der uns nur noch in der Verganenheit vereint.

Wir sind die gleichen wie früher und doch andere geworden. Ein Gefühl hat sich eingeschlichen, das mir das Leben dieser Freundschaft erschwert und das mir zeigt, dass unsere Beziehung nicht mehr den Wert hat, den sie einst hatte. Wir surfen nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge. Was auch immer unseren Kurs gedreht hat, lässt meine Wogen höher schlagen und deine Wellen seicht an Land gehen. Es lässt mich im Wind der Freiheit reiten und deine Welt still stehen.

Meine Liebe,

ich werde dich verlassen.

Und es tut mir Leid. Unendlich leid für dich, aber ich möchte keine Freundschaft aus Pflichtgefühl pflegen, keine Treue aus Schuldgefühl geben und keine Beziehung auf Lügen leben. Ich möchte frei sein – frei von dir. Weil sich der Wind gedreht hat und wir unser Gleichgewicht verloren haben. Weil ich den Wind in den Segeln brauche und den Balanceakt zwischen unseren Meeren nicht mehr tanzen kann.

Ich danke dir für all das, was du bist. Ich danke dir, dass du in meinem Leben warst und wir gemeinsam ein Stück Geschichte geschrieben haben. Ich danke dir für das, was ich durch dich lernen konnte, für deine Freundschaft und für deine Liebe. Ich danke dir, für unsere Freundschaft und die wunderbaren Erinnerungen, die sie uns geschenkt hat. Du bist Teil meines Lebens und hast mir geholfen, der Mensch zu werden, der ich geworden bin. Ich hoffe, dass auch ich dir einiges lehren konnte und an gutem Gefühl in dir hinterlassen habe.

Du trägst keine Schuld an unserer Trennung. Auch wenn es sich so anfühlt. Aber ich fühle uns beide nicht mehr.

Ich muss ohne dich weiter.

Bitte verzeihe mir.


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6 Gedanken zu „Brief an eine Verlassene

  1. Liebe Bettina,
    offen gestanden finde ich es recht gewagt anderen zu raten ihre Freundschaften zu beenden, weil sie sie nicht mehr brauchen. Die Erfahrung mit Loslassen von Freundschaften, die du gemacht hast, bedeuten noch lange nicht, dass dies für andere ebenfalls so ist. Du kennst die Lebensumstände der Leser nicht und daher finde ich es fahrlässig was du empfiehlst. Menschen, die nicht so selbstsicher sind wie du, werden deinen Rat ev. umsetzen und tun, was ein starker Mensch wie du macht, obwohl sie es selbst nicht tragen können. Möglicherweise erkennen sie erst nach dem „Verabschieden“ was ihnen am anderen nun fürchterlich fehlt. Meine Erfahrung ist, dass Freundschaften automatisch enden, wenn man sich anders entwickelt. Und wenn ein „Freund“ nicht loslässt, ist nichts falsch daran, die Frequenzen zu vermindern und die selteneren Treffen werden ev. an Qualität gewinnen bzw. ist auch nichts falsch daran, jemanden, der einen liebt, ein wenig seiner wertvollen Zeit zu schenken: Geben ist das Wort das Fülle in dein Leben bringt. Wer wirklich frei sein will, wird es auch mit einem nicht so wichtigen Freund – weil du am Geben wächst.
    Jeder muss eine Trennung selbst in sich spüren, erkennen und entscheiden.

    1. Liebe Heidi,

      vielen Dank für deinen Kommentar und deine Anmerkungen. Vielleicht hast du mich da missverstanden. Ich möchte keinem dazu raten, eine Freundschaft zu beenden, wenn er nicht fühlt, dass sie ihm nicht mehr gut tut. Meine Entscheidung und Erfahrung ist keineswegs auf andere übertragbar, da bin ich ganz bei dir. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.

      Vielen Dank für deine Erfahrung und wie du mit dem Thema umgehst. Meine Art wäre es nicht, wenn mir ein Mensch nichts mehr bedeutet bzw. nicht gut tut, aber ich bin überzeugt, dass es Menschen, die sich mit deinem Weg identifizieren können und diesen Weg wählen sowie es Menschen gibt, die mein Weg anspricht und diesen wählen.

      Ich bin wie gesagt ganz deiner Meinung, dass die Entscheidung, eine Freundschaft zu beenden, jeder selbst treffen sollte.

  2. Diese Worte drücken genau aus, was ich ihr sagen möchte.
    Jedoch ist es äußerst schwer, da sie mich so sehr mag und so viel mehr Zeit mit mir haben möchte.
    Es ist für mich, die sich bisher immer in der Position der Verlassenen befand und nur den Schmerz der anderen Seite kennt, gefühlt unmöglich, ihr das anzutun, obwohl mein Inneres ganz laut sagt ich soll es tun.
    Liebe Grüße, vielen Dank für diesen Brief.

    1. Liebe Angela,

      es tut so gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die das Gefühl kennen und verstehen und umso wertvoller sind jene, die beide Seiten dieser Geschichte kennen. Ich kann dich gut verstehen und vielleicht sollt ihr auch noch eine Weile den Weg ein Stück gemeinsam gehen, vielleicht weniger oft, wenn dir das hilft, aber wenn eine so große Hemmung bei dir da ist, dann überstürze nichts. Andererseits musst du auch an dich denken. Es ist dein Leben und viel zu oft führen wir genau das ausgerichtet anhand den Wünschen und Erwartungen, die andere Menschen an uns haben. Manchmal muss man anderen Leuten leider weh tun – ein Nein für andere ist oft ein Ja zu sich selbst.

      Wie auch immer du dich entscheidest, es wird der richtige Weg sein und wenn du erst mal alles so belässt wie es ist, bin ich überzeugt, dass du mit der Zeit genauer spüren wirst, ob du den Weg so weitergehen willst oder ob eine Trennung nicht doch der nächste Schritt sein wird.

      Ich wünsche dir alles Gute.
      Liebe Grüße
      Bettina

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