Brief an meine Oma

Liebe Oma,

du bist vor über zwei Jahren gestorben und momentan muss ich wieder häufiger an dich denken. Du warst eine so weise Frau und eine so gute Freundin für mich. Trotz des großen Altersunterschieds hatte ich immer das Gefühl, dass du mich verstehst – mit all meinen jugendlichen Problemen, die in deiner Generation in der Form oft überhaupt keine Bedeutung hatten.

Du hast mir beigebracht, dass Toleranz und Respekt anderen gegenüber mit das Wichtigste im Leben sind und dass die Kunst darin besteht, andere sein zu lassen und anzunehmen, wie sie sind. Nur so funktionieren Beziehungen – sei es eine Freundschaft oder eine Partnerschaft.

Du hast mich gelehrt, dass es ein größeres Ganzes gibt, unter dem die ganze Welt steht und jeder für sich seinen Sinn und Glauben darin wiederfinden soll. Obwohl du in einer Zeit aufgewachsen bist, in der die Kirche und der strenge Glauben Bestandteil der Erziehung waren, hast du verstanden, dass es im Leben nicht um die Kirche geht, sondern um seinen eigenen Glauben an das Wunder Leben. Du warst so fasziniert von dem Lebensprozess – sei es der menschliche Körper oder die Natur. Du hast gewusst, dass so etwas klug Durchdachtes und Wunderschönes nur göttlich sein kann, hast aber jeden in seinem Glauben gelassen, der mit dem Wort Gott nichts anfangen konnte. Wenn jemand das Leben bewundert hat, war das für dich Glaube genug.

Liebe Oma,

ich weiß nicht, ob ich dir oft genug Danke gesagt habe für all die Liebe, die du mir geschenkt hast. Du hast mich neben deinem Bett schlafen lassen, wenn ich Angst hatte, alleine im Gästezimmer zu schlafen, du hast nie geschimpft, wenn etwas zu Bruch gegangen ist. Du hast verstanden, wann es sich lohnt, sich aufzuregen und wann nicht.

Du wolltest immer Frieden. Nicht nur in deinem Umfeld, sondern für die ganze Welt. Zwei Tage vor deinem unerwarteten Tod war ich glücklicherweise bei dir und ich habe erfahren, warum du dich bei Themen zu aktuellen Nachrichten raushältst. Du sagtest mir, die Welt sei voll genug von negativen Gedanken. Jeder, der diese Schlagzeilen weiterträgt und sich auf das Schlimme konzentriert, steuert seine negativen Gedanken der Welt bei. Du wusstest, dass die Kraft der Gedanken machtvoll ist und dass je mehr Negatives in der Welt ist, desto mehr Negatives passieren wird. Das wolltest du nicht unterstützen.

Du hast mich kurz vor deinem Tod gelehrt, dass Angst zu verbreiten und Entsetzen zu manifestieren ein Beitrag zum Schlechten in der Welt ist. Stattdessen sollten wir darüber nachdenken, was man selbst in seinem Leben tun kann, um die Welt ein Stück heller zu machen.

Liebe Oma,

danke für dein Sanftmut, deine Geduld und deine Demut. Du hast dir nichts sehnlicher gewünscht, als Zeit mit den Menschen zu verbringen, die du liebst. Es tut mir leid, dass ich das nicht so erfüllt habe, wie ich hätte können und bitte dich sehr um Verzeihung. Für die Zeit, die wir gemeinsam hatten und für all das, was du mir beigebracht hast, möchte ich dir von ganzem Herzen danken.

Ich vermisse dich.


Welche Erinnerungen hast du an deine Oma oder einen anderen wichtigen verstorbenen Menschen?

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