Brief an das Glück

Liebes Glück,

ich möchte mich erst einmal bei dir entschuldigen. Zu oft lief ich blindlings an dir vorbei. Ich missachtete dein Rufen, übersah deinen zarten Flügelschlag und den süßen Duft, mit dem du dich verschenkt hast. Ich sah nicht hin und habe dir Unrecht getan, als ich mich beschwerte, dass du mir nicht begegnest.

Liebes Glück,

ich habe so viel Staub aufgewirbelt – den Staub der Frustration und der Negativität – und meine Sicht damit getrübt. Ich habe mich in Selbstmitleid gebadet, fühlte mich verlassen von der Welt, vom Leben und von allem, was gut ist.

Liebes Glück,

Heute weiß ich, dass ich dich nicht sehen konnte, weil ich meine Augen vor dir verschlossen hielt, genauso wie mein Herz. Weil mein Blick in der Trauer ruhte und nicht im Leben.

Liebes Glück,

heute weiß ich, dass du mir jeden Tag begegnest. Ich weiß, dass du mir freundlich gesinnt bist und ich jederzeit zu dir kommen kann – ich weiß, wo ich dich finde. Ich weiß, dass du da bist – sichtbar – wenn ich sehen will:

Du bist das Lachen auf den Lippen, die Sonne auf der Haut, der Wind im Haar, die Vögel, die zwitschern und der Regen, der wie Applaus klingt, wenn ich meine Augen schließe. Du bist das Blümchen am Wegesrand, das leckere Essen, auf das ich mich freue, mein Zuhause, in dem ich mich geborgen fühle.

Du bist die freundliche Begegnung unter Fremden, das Gespräch, das zu Herzen geht, du bist Vertrauen, das geschenkt, du bist Liebe, die gegeben wird.

Ja, liebes Glück und ich sehe dich auch in diesem: wenn der Schmerz mich umspült erkenne ich dich in der helfenden Hand, die mir gereicht wird, in der Umarmung, die sagt: ich bin da für dich. Im Vertrauen und der Hoffnung, dass dieser Schmerz meinem Wachstum dient und vorübergehen wird.

Liebes Glück,

für manch einen mag es befremdlich klingen, das Glück auch im Unglück zu sehen, in Tränen und dem Schmerz. Aber leider wird ein jeder von uns damit konfrontiert. Wenn ich wollte, könnte ich schwarz sehen. Ja ich könnte das tiefste Schwarz überhaupt sehen – wenn ich nur wollte. So wie jeder es könnte – wenn er möchte.

Aber ich möchte nicht.

Zu schwer wiegt mein Leben, zu lähmend, zu dunkel und zu beengt empfinde ich es, wenn ich diesen Blickwinkel einnehme.

Liebes Glück,

ich habe mich für dich entschieden weil du in erster Linie eine Entscheidung bist. Eine Geisteshaltung – mehr nicht. Sonne und eine Blume gehören auch dazu, wie der Schmetterling so schön sagt, aber auch ohne kann ich mich dazu entscheiden, aufrecht zu gehen und nach vorn zu sehen.

Ich kann mich dazu entscheiden, in deinem Licht zu stehen.

Liebes Glück,

ich danke dir für deine Güte, mit der du dich verschenkst – immer und immer wieder. Wir können alle von dir nehmen, um zu unserer Kraft zu finden – und um zeitgleich dich zu vermehren.

Denn du lebst nicht ohne uns. Ohne uns, die wir sehen können.

Ohne uns kannst du nicht wirken.

Liebes Glück,

ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen ihr Herz öffnen und lernen, dich zu sehen. Weil du so bereichernd bist und das Leben so wertvoll machst.

Von Herzen danke und bis bald!

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